Micropayment: Flattr und Kachingle – ein Vergleich
Micropayment - hinter diesem Begriff könnte der Ausweg aus einer Misere (manche nennen sie auch Refinanzierungskrise) stecken, in der sich zahlreiche kleine aber auch sehr große Onlinepublikationen derzeit befinden. Content-bezogene Werbung reicht nicht aus, um große Onlineredaktionen zu finanzieren und ermöglicht auch kleineren Publikationen nicht, größere Margen einzufahren - selbst wenn der eigentliche Inhalt von hoher Qualität ist. Das führt zu Auswüchsen wie beim Time Magazine, das Inhalte online nur noch gegen Bezahlung ausliefern wollte - wohl auch, weil mit dem Onlinegeschäft mittlerweile auch die defizitären, klassischen Papierpublikationen mitgetragen werden müssen.
User wollen alles kostenlos?
Hinter all dem steckt die Grundannahme, dass im Internet immer alles kostenlos sein müsse, weil der durchschnittliche Online-Leser nicht bereit sei, etwas für Inhalte zu bezahlen. Das sehe man ja schon an der Tatsache, dass viele Internetnutzer Werbeblocker einsetzen würden, um den Verlagen und privaten Schreibern auch noch die letzten Einnahmen streitig zu machen. Dass viel mehr die Aufdringlichkeit vieler Werbeformen auf Webseiten das Problem sein könnte, daran denkt man natürlich nicht.
Ich bin mir sicher - viele Benutzer wären bereit, für Inhalte zu bezahlen, wenn sie entsprechende Qualität aufweisen und das Interesse des Lesers befriedigen. Warum bezahlte Inhalte auf Onlinepublikationen bisher keinen Erfolg hatten, hat einen einfachen Grund. Der Leser schreckt vor monatlichen Abogebühren zurück und akzeptiert nicht, Gebühren für eine Gesamtpublikation zu bezahlen, wenn er doch eigentlich nur einen bestimmten Artikel lesen will. Außerdem waren die Bezahlformen in der Vergangenheit oft mehr als abenteuerlich. Wenn man erst Punkte auf ein Guthabenkonto "aufladen" muss, was im schlechtesten Fall auch nur mit Banküberweisung möglich ist, ist die Chance, dass der Aufwand für den interessierten Leser in keinem Verhältnis zum Nutzen, den er aus der Publikation zieht, steht, sehr groß. Er verliert das Interesse und sucht sich Alternativen. Auch der bekannte "Spenden-Button" von PayPal stellt nur eine beschränkt geeignete Maßnahme dar, um mit Inhalten gezielt Geld zu verdienen - viel zu aufwändig ist der Transferprozess, und den Geschäftspraktiken der eBay-Tochter muss man auch nicht unbedingt positiv gegenüber stehen.
Die Lösung: Micropayment-Dienste
[singlepic id=69 w=233 h=61 float=right]Unter Micropayment versteht man die Vergabe von kleinen Summen, zum Beispiel bei Gefallen eines Blogposts oder einer Webseite. Die beiden großen Wettbewerber auf diesem Feld heißen Flattr (von Flatrate, so Gründer Peter Sunde) und Kachingle (vom Klingeln einer alten Registrierkasse und dem Klimpern von Münzen). Beide Dienste verfolgen dasselbe, simple Prinzip. Benutzer, die bereit sind, etwas für guten Content im Netz auszugeben, melden sich beim Dienst an. Anschließend transferieren sie Geld zum Beispiel via Kreditkarte, Überweisung oder PayPal auf das Benutzerkonto und legen fest, wie viel Geld im Monat für qualitativ hochwertige Inhalte ausgegeben werden soll.
[singlepic id=70 w=229 h=79 float=left]Betreiber von Onlinepublikationen melden sich ebenfalls an und statten ihre Beiträge mit Buttons des jeweiligen Anbieters aus. So haben die Benutzer die Möglichkeit, einen bestimmten Beitrag, den sie für besonders interessant oder hilfreich halten, zu unterstützen. Abgerechnet wird am Ende des Monats. Der Geldbetrag, den der Benutzer pro Monat "spenden" will, wird durch die Anzahl an Klicks geteilt, die er auf den Spenden-Buttons getätigt hat. Das Ergebnis dieser Division ist der Betrag, den der Blog- oder Webseitenbetreiber dann für diesen User gutgeschrieben bekommt - abzüglich einer Provision für den Diensteanbieter. Ein Beispiel: Der Benutzer möchte 20 Euro im Monat verteilen und findet 15 Beiträge gut. Dann erhält jeder Blogbetreiber 1,3 Euro (Provision vernachlässigt). Es könnte sich also lohnen. Ein paar Berechnungsbeispiele hat roberbasic.de zusammen gefasst.
Flattr und Kachingle - die Unterschiede
Das Konzept hinter den beiden großen Diensten für Micropayment ist ähnlich. Benutzer legen fest, wie viel Geld sie monatlich ausgeben wollen. Dieser Betrag wird dann auf alle Klicks auf Spenden-Buttons verteilt, die sie im Monat gedrückt haben. Von der Auszahlung behalten sich die Dienste dann noch einen kleinen Teil als Provision ein. Der große Unterschied: Flattr unterstützt einzelne Beiträge, Kachingle eine Publikation im Ganzen. Ansonsten sind sich beide Dienste sehr ähnlich. Mir persönlich gefällt das Konzept und auch die Umsetzung von Flattr ein wenig besser, da ich der Meinung bin, dass es mehr Sinn macht, einzelne Beiträge - gerade eines Blogs - zu unterstützen als das Gesamtwerk. Außerdem unterscheiden sich die Buttons maßgeblich. Bei Flattr wurde ein ganz gewöhnlicher "Knopf" realisiert, bei Kachingle wirkt das "Medaillon" eher wie ein kleiner Banner - was allerdings auch die Möglichkeit bietet, etwas Text unterzubringen und auf den Sinn und Zweck hinzuweisen. Von Flattr muss man schon gehört haben, um den Hintergrund des Buttons zu erkennen.
Risiko und Fazit
Das große Risiko, dass beide Dienste noch nicht überwunden haben, ist die Akzeptanz von den Benutzern. Um wirklich erfolgreich zu sein, müsste es sehr viele Nutzer geben, die bereit sind, Geld für Inhalte auszugeben. Beide Dienste haben inzwischen Nutzerzahlen im fünfstelligen Bereich - das ist nicht schlecht, aber auch noch nicht ausreichend. Ohne eine entsprechend große Nutzerschaft aber sind beide Dienste aber speziell für kleinere Blogs noch nicht so interessant, weil sich die Einnahmen doch stark in Grenzen halten dürften. Aber einige große und prominente Publikationen sind schon auf den Zug aufgesprungen. So nutzen beispielsweise die taz, der BILDblog und Netzpolitik.org Flattr. Aber auch Kachingle konnte schon einige Betreiber überzeugen.